Wölflein und reißender Wolf
16. November 2009

2006 © Thorsten Jander
Hörte öfter Wolf Biermanns Lieder zur Friedlichen Revolution: Von den verdorbenen Greisen, Michael Gorbatschow, ich kau mein Herz in Einsamkeit, vom Grab des Vaters in den Lüften. Alle Zeitzeugenbetonen, wie intensiv die Ausbürgerung dieses Komunisten 1976 in der DDR registriert wurde und Honegger und Genossen in ein seltsames Licht stellte. Er ist ein richtig wilder Hund, ich mag seine Texte, seine Melodien und seine Gitarre, ich höre seine Menschliebe hinter dem Zorn – und doch bekommen diese Lieder mir nicht, sie hinterlassen eine Beklommenheit zwischen Herz und Bauch, die ich nicht einfach dadurch loswerde, dass ich sie spüre. Read the rest of this entry »
Von der politischen Freiheit
9. Oktober 2009
Bin heute sehr dankbar, den Leipzigern, für ihr mutiges Beten und Demonstrieren heute vor 20 Jahren. Werde auch die Nobelpreisträgerin von gestern, Herta Müller, einmal lesen, die angeblich so genau den Diktatoren dieser Welt auf die Finger schaut – und indirekt das hohe Lied der Freiheit singt. Dieses Lied sei mit Reiner Kunze (aus einem Interview in Jahr 1991) angestimmt
[Interviewfrage] Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen im Osten Deutschlands von der Freiheit, die jetzt gekommen ist, enttäuscht sind? Von der Freiheit, die sie so stürmisch wollten und nach der sie aus einer so tiefen Überzeugung heraus verlangten?
[Kunze] Diejenigen, die in diesem politischen System nahezu erstickt sind, werden die Freiheit stets als den Wert empfinden. Aber hat denn die Mehrheit der Menschen tatsächlich die Freiheit gewollt? Die Menschen in der DDR haben nicht wissen können, was das ist, die Freiheit zu wollen. Sie haben geglaubt – nicht alle, ich weiß -, Freiheit sei etwas, das man ohne Gegenleistung erhalten kann. Sie haben eine Freiheit ohne Risiko erwartet. Eine Freiheit, die man, wie soll ich sagen, abheben kann bei Bedarf. Eine verwaltete Freiheit. Eine bequeme Freiheit. Da kann ich nur sagen: Nichts ist unbequemer als die Freiheit. Aber auch nichts ist begehrenswerter.
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Verführung des Künstlers
11. September 2009
Nochmal aus Nadolnys Münchner Poetikvorlesungen („Das Erzählen und die gute Absichten“), die ich damals in meinem zweiten Semester an der Uni mit viel Spaß und Verwunderung hörte, der Text kommt fast direkt nach dem im letzten Eintrag zitierten:
In Werner Egks Oper Irische Legende überziehen die Dämonen ein Land mit Hunger, um gegen Nahrungsmittel billig Seelen einzukaufen. Cathleen, die Fürstin, leistet Widerstand, weil sie kraft aus der Liebe zieh, aus der Liebe zu ihrem Freund, dem Dichter. Die Dämonen wissen: Sobald er das Land verläßt, wird sie zusammenbrechen, und damit aller Widerstand im Lande. Sie öffnen im Schlaf sein Ohr und oktroyieren ihm Bilder und Folgerungen, um ihn zu lenken.
„Was siehst du, Dichter, im Traum?“
„Ein Bündel Stroh.“
„Verfaultes Stroh!“
„Verfaultes Stroh.“
„Was siehst du noch?“
„Einen, der auf dem Stroh liegt.“ Read the rest of this entry »
Logik der Träume
8. September 2009
Wer denkt logisch im Traum? Und doch ist diese Logik Inspirationsquelle, für Israels Sohn Josef im fernen Ägypten, für den blinden Homer. Ein paar bemerkenswerte Traumbeobachtungen stehen bei Sten Nadolny „Das Erzählen und die guten Absichten“ (Münchner Poetik-Vorlesungen von 1990). Eine davon, wie er sie anhand eines Beispieltraumes erzählt:
„Ich träumte kürzlich etwas Merkwürdiges. Rast machend auf einer Bergwanderung saß ich am Wege und nahm einen Imbiß zu mir. Da kam Hitler, einen schweren Wagen schiebend, vorbei, hielt bei mir an und sagt: ‘Mich hungert, gib mir zu essen.’ Read the rest of this entry »
Kriegslogik
27. August 2009
Es naht der 70. Jahrestag des Begins des zweiten Weltkrieges. Las bei Andrea Böhm einen Artikel über „Die unaussprechliche Tat: Vergewaltigung von Männern“, zum Bosnien-Krieg und zum Ostkongo:
Vergewaltigung ist das einzige Verbrechen, bei dem die Scham der Tat am Opfer, nicht am Täter hängen bleibt. Gerade deshalb funktioniert sexuelle Gewalt so gut als Waffe im Krieg. Read the rest of this entry »
Adam von Trott wäre 100
11. August 2009
Am 9. August wäre einer aus dem Kreisauer Kreis 100 Jahre alt geworden, einer der jüngsten, Adam von Trott zu Solz, Doppelagent im Auswärtigen Amt der Nazis. Eine Predigt des Bischofs zum Festgottesdienst fasst dieser Artikel in der Hersfelder Zeitung Online zusammen. Ein Zitat:
Viel sei Adam von Trott gegeben worden: das familiäre Umfeld, das ihm die Türen zu einflussreichen Kreisen im In- und Ausland geöffnet habe; eine beeindruckende Weitsicht, die es ihm ermöglichte, die verschiedenen Richtungen des Widerstands beieinander und gesprächsbereit zu halten; eine noble Liberalität, mit der er andere für sich gewinnen konnte, aber auch eine immense Beharrlichkeit, die Dinge voranzutreiben, die ihm wichtig waren.
Der höchste Preis
Doch Adam von Trott habe man nicht nur viel gegeben, man habe auch viel von ihm gefordert. Am Ende der höchste Preis: das Opfer des Lebens. Das solle nicht vergeblich sein. Der Bischof erinnerte an die Inschrift auf dem Gedenkstein unter dem Kreuz hoch über Imshausen: Bittet für sie. Beherzigt ihr Beispiel.
Die Kollekte des Gottesdienstes erbat Verena Onken von Trott für ein Hilfsprojekt im Sudan: ein Modell im Zentrum der Konflikte.
Sudanpolitik ist tatsächlich etwas, wo heute Widerstand gefragt ist. (Mir scheint es schwieriger hier Widerstand zu leisten als etwa gegen Neonazis. Zugegeben, es ist weit weg. Dennoch: Warum nehme ich mir nicht die Zeit dafür?)
Europas Farben
7. Juli 2009
Umstritten ist die Theaterfassung von Kieślowski und Krzysztof Piesiewiczl „Drei Farben: Blau, Weiss, Rot“ (Der Link führt zu allen Zeitungsrezessionen gesammelt bei „Nachkritik“, dort bitte ggf. die Geschichten nachlesen, damit man diesen Eintrag verstehen kann) in den Münchner Kammerspielen. Ich mag es sehr, wenn jemand so dezent wie Kiéslowsky/Simons frohe Botschaft verkünden will. Sie spielen das Chaos der Welt und singen das hohe Lied Europas „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, das Lied dessen, was einem Menschen zusteht (höher und intensiver als die Menschenrechte) eigentlich das hohe Lied der Liebe. „Und wenn ich mit Engelszungen redete, und …., hätte aber die Liebe nicht, ich wäre ein tönernen Erz…“ Typischerweise wird die Botschaft dieser Szenen destruktiv oder gesellschaftskritisch gesehen, immerhin auch manchmal bewundernd wie etwa in der FAZ:
„Sie wollte mehr, als ich ihr geben konnte.“ Mit diesen Worten fasst der Richter gegen Ende der „Drei Farben“ die Gründe für das Scheitern seiner eigenen, tragischen Liebesgeschichte zusammen – und bringt damit auch die Grundmotivation aller übrigen Hauptfiguren auf den Punkt: Sie stehen alle vor der Wahl, ihr Leben zu vernichten oder zu vollenden. Tränenerstickt presst der niederländische Schauspieler Jeroen Willems diese verbitterten Worte heraus, während er „Drei Farben: Rot“ verkniffen auf einem Klavierhocker verbringt, in einem einzigen großartig konzentrierten Dialog mit Sandra Hüllers misstrauischer Valentine. Read the rest of this entry »
Kreativer Widerstand im Iran
24. Juni 2009
In der DDR war es das Westfernsehen, durch das man – wenn auch eingeschränkt – zu Informationen kam. Im Iran sind es die Handies, die integrierten Kameras und Internetdienste und -blogs. Siehe NZZ. (Hoffe diese Mittel funktionieren auch in China – trotz der angeblichen Kollaboration von Google und co.) Trotzdem muss man Angst haben, wie damals in Leipzig und dem ganzen Ostblock vor 20 Jahren. Was mich sehr freut ist die Vielfalt der friedlichen Proteste, das erinnert schon an Leipzig (und übertrifft es vielleicht, die Iraner sitzen auf den Schultern der Leipziger). Read the rest of this entry »
Michael Ende und die Moderne
17. Juni 2009
Jüngst (wahrscheinlich) erstmals nach der Kindheit nochmal „Die unendliche Geschichte“ gelesen. Michael Ende sagte einmal darüber (bitte nicht überbewerten, er wollte eigentlich keine Deutung geben)
„Das ist nämlich die Geschichte eines Jungen, der seine Innenwelt, also seine mythische Welt, verliert in dieser einen Nacht der Krise, einer Lebenskrise, sie löst sich in Nichts auf, und er muss hineinspringen in dieses Nichts, das müssen wir Europäer nämlich auch tun. Es ist uns gelungen, alle Werte aufzulösen, und nun müssen wir hineinspringen, und nur, indem wir den Mut haben, dort hineinzuspringen in dieses Nichts, können wir die eigensten, innersten schöpferischen Kräfte wiedererwecken und ein neues Phantásien, d.h. eine neue Wertewelt aufbauen“.
Zitiere Michael Ende aus einem Briefwechsel mit Werner Zurfluh:
Ich weiß nicht, ob es übertrieben klingt, wenn ich sage: Ich interessiere mich eigentlich nicht sonderlich für mich selbst – nur so um meiner selbst willen. 
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Halfpipe Bühne
10. Juni 2009
Ich dachte an die Ringe des Saturn, als ich die Bühne in der Inszenierung von Franz Kafka „Der Prozess“ in den Münchner Kammerspielen sah. Innen drehte sich der unbewohnbare Planet. Vieles spricht dafür, dass es sich um ein Auge handelt bei dieser Bühne. Auf jeden Fall gab es doch da tatsächlich Ähnlichkeiten zur „Fangt uns doch“ Bühne. Was passiert da technisch? Zitiere den Standart (Wien. Ronald Pohl):
Regisseur/Ausstatter Andreas Kriegenburg hat auf die Münchner Bühne ein Gipsauge gestellt. In dessen ovaler Mitte, sozusagen im Durchstichsloch eines Träumers, rotiert ein Hubpodest, das immer wieder gemächlich in die Vertikale kippt, um schließlich als Kletterwand den Schrecken einer hölzernen Eiger-Nordwand zu verbreiten. Read the rest of this entry »