Havels Tod
18. Dezember 2011
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ So zitiert die TAZ den heute morgen verstorbenen Václav Havel: Dramatiker, Dissident und später (etwas weniger glücklich) Präsident der Tschechoslowakei und später nur noch Tschechiens. Georg hatte mir den Dramatiker bereits vorgestellt, vor die Mauer fiel. Die TAZ fährt fort:
Dabei war Havel ein stiller, fast schüchterner Mensch. Keiner, der sich unbedingt darum gerissen hatte, sich einem ganzen System zu stellen. „Havel war eher vorsichtig“, erinnert sich der tschechische Schriftsteller Jáchym Topol, der in den achtziger Jahren als Teil der jungen Generation des tschechoslowakischen Dissens mit Havel zusammenarbeitete. „Unsere Demonstrationen fand er nicht so toll, er hatte Angst, dass das Regime mit Gewalt gegen uns vorgehen würde“, sagt Topol.
Dabei schien das kommunistische System eigentlich immer mehr Angst vor Havel zu haben als umgekehrt. Kein Wunder, genoss Havel doch das, was den Machthabern in Prag oder auch in Moskau immer versagt geblieben war: Legitimität.
Die Zeit schreibt im Nachruf, wie Havel seine politische Tätigkeit als Versöhnung verstand (ähnlich Robert Scholl als Nachkriegsbürgermeister in Ulm würde ich sagen):
Sein Präsidentenamt hat Vaclav Havel – zunächst in der Tschechoslowakei und dann, nach der Trennung des Doppelstaates 1993 in Tschechien – nie als Machtpolitiker geführt. Er hat sich selbst als Begleiter verstanden; als jemanden, der dem Volk beim Start in die neue Epoche hilft. Zu einem Modell der moralischen Politik wollte er sein Land formen und setzte sich deshalb von vornherein für die Versöhnung ein: In vielen Behörden und Ämtern blieben die alten Mitarbeiter weiterhin beschäftigt, Havel wollte keinen Graben durch das Land, sondern wünschte sich eine Erneuerung, an der alle mitwirken sollten. In Tschechien war dieser Kurs heftig umstritten, aber Havel war fest davon überzeugt, dass die gemeinsame Perspektive die Vergangenheit überwinden hilft. Er war der Philosoph, der auf einmal seine Gedanken in die Tat umsetzen kann.
Selbstbewusster Löwe
19. Oktober 2011
Es gehört eine gehörige Portion Selbstbewusstsein dazu, wenn ein Afrikaner aus dem Schimpfbegriff Neger/ Niger eine Ehrenbezeichnung für sich selber macht. Das tun die Dichter der Negritude, darunter Leopold Sédar Senghor (1906-2001), zugleich erster Präsident des freien Senegal (1960-1980). Bei Senghor hat dieses Selbstbewusstsein sogar damit zu tun, dass ein Afrikaner Widerstand gegen die deutsche Angriffskriegerei zeigte. General Felix Éboué, ein Senegalese, war wohl der erste französche General, der vom Vichy-Regime zu De Gaule überlief. Éboué steht für den afrikanischen Menschen und er ist wie ein Löwe. Den Rest des Beitrags lesen »
Hochmut oder Scharfblick?
23. September 2011
Der Dichter Paul Wühr im Interview mit Germanisten aus Bielefeld (LiLi):
LiLi: Woher rührt denn ihr Faible für die Philosophie?
Wühr: Das hat ganz einfach damit zu tun, dass ich mich seit meinem zwölften Lebensjahr nicht mehr für diesen wunderbar schönen Mist, diese Welt hier, besonders interessiere. Ich würde nie einen schönen Wald oder Personen von dieser Welt übernehmen oder schildern. Ich hab mich immer, plump gesagt, um das Letzte gekümmert: Um Themen wie Tod, Weiterleben, Solidarität, Politik, Demokratie, um das Zusammenleben der Menschen eben. Leider sehen wir, dass wir irgendwann vernichtet werden. Das ist eine ungeheure Unverschämtheit, an der ich, solange ich lebe, leide. Solche Fragen, an denen bin ich brennend interessiert. Ich halte mich dann immer an der Grenze von Philosophie und Theologie auf und für viele bin ich deswegen unannehmbar. Aber es geht bei mir auch um Lust, um Frauen, um das Geschlecht. Es geht um alle diese Dinge, die uns brennend interessieren und nicht bloß der Tod. Den Rest des Beitrags lesen »
Mensch steh auf
31. August 2011
Hilde Domins Gedicht „Abel steh auf“ ist ein Plädoyer für die dritte Maxime der Französischen Revolution: Brüderlichkeit. Dafür, dass sich einer für den anderen verantwortlich zeigt, Hüter seiner Geschwister ist. Soweit ein erster Blick. Das hätte man auch ohne Gedicht und Mythos sagen können. Aber natürlich ist es eingängig den Mythos zu bemühen und die Sprache leuchten zu lassen. Bitte das Gedicht z.B. hier lesen, dann vielleicht noch meine Assoziationen. Den Rest des Beitrags lesen »
Witz im Widerstand
3. August 2011
Luises Ossenbach schreibt in der TAZ zum Widerstand in Syrien einen Artikel „Mein Witz ist meine Waffe“. Darin z.B.:
Nachdem Baschar al-Assad in einer Rede am 20. 6. die Demonstranten indirekt als „Bakterien“ bezeichnet hat, haben unzählige Syrer ihr Facebook-Profilbild durch cartoonartige Abbildungen von Bakterien ersetzt. Ruck, zuck war die Facebook-Seite „Wir alle sind Bakterien“ gegründet.
Tut mir sehr gut, dass in Syrien Witze über das System gemacht werden. Auch über das DDR-Spitzelsystem habe man lange insgeheim und am Ende beinahe öffentlich gelacht. Die Szene in Perry Aldon „Fünf letzte Tage“, in der Stadelheimhäftlinge Hitler im Kabaratt nachspielen, ist mir sehr eindrücklich in Erinnerung. (Sammelte bereits manchen Widerstand durch Witz in Kreativer Widerstand im Iran)
Obwohl ich hier nicht viel schreibe, bange und hoffe ich für den Widerstand in Syrien. Und stottere wegen der Hilflosigkeit aller Bemühungen von Außen.
Als Mensch wachsen
30. Mai 2011
Thomas Bernhards autobiographische Schriften haben etwas außergewöhnlich Anziehendes. Für das Wenige, das man objektiv als Inhalt weitererzählen kann, und für den manchmal sehr desolaten Ton, den ich nicht so mag, sogar etwas unheimlich Anziehendes. Kenne jetzt die (lebensgeschichtlich) ersten drei Bände, jeder hat m.E. einen ganz anderen Flair. Ich erlaube mir die Frechheit, diese Werke, die so in sich selber zu stehen scheinen, von anderen literarischen Entwürfen her zu lesen.
a) Da ist zunächst die einzige lobend erwähnte Literatur, die Bibel des Großvaters Montaigne
„Manchmal geht es mir durch den Kopf, die Geschichte meines Lebens nicht preizugeben. Diese öffentliche Erklärung aber verpflichtet mich, auf dem einmal beschrittenen Weg weiterzugehen, so Montaigne. Den Rest des Beitrags lesen »
Auferstehung und Privileg
18. April 2011
Mich interessiert das Christentum der Inge Jens, sie konnte es so gut in den Aufzeichnungen der Geschwister Scholl, die sie dokumentierte, herausarbeiten. Habe ihre Autobiographie „Unvollständige Erinnerungen“ (zum Einlesen hier) gehört, ein Buch, das sehr geprägt ist vom „bis dass der Tod uns scheidet“, vom Eheversprechen, das sie ihrem Mann Walter gab, dem sie heute in seiner Demenz die Treue hält.
Doch wenn sie von ihrem Privileg, ein reiches und gutes Leben zu führen, spricht, spricht sie nicht von der göttlichen Gnade oder der guten Schöpfung. Wenn sie erwägt, ob sie abtreiben solle, spricht sie nicht von der Würde des ungeborenen Lebens. Wenn sie von ihrem Pazifismus spricht, spricht sie nicht von der Irritation der Bergpredigt. Das irritiert mich, kommt mir sehr gewollt vor. Den Rest des Beitrags lesen »
Ägyptens CSU
6. Februar 2011
Die Muslimbrüder, zu denen soweit ich es verstehe zwischen 10% und 20% der ägyptischen Bevölkerung gehören, werden unterschiedlich beurteilt. Sowohl im Westen, als auch unter den Kopten als wichtiger religiöser Minderheit in Ägypten. Recht erfrischend ist die untere Einschätzung der Politiologin Ivesa Lübben im Interview mit der TAZ:
Bloß ist unklar, wos hingeht.
Ich denke, dass kurz- oder mittelfristig eine Demokratisierung eintritt.
Mit der Muslimbrüderschaft, vor der viele Angst haben?
Diese Ängste werden von Leuten geschürt, die noch nie einen lebendigen Muslimbruder getroffen haben. Das sind Ärzte, Rechtsanwälte, Politologen – das, was man oft als Modernisierungseliten bezeichnet. Die Muslimbrüder bilden in Ägypten einen bürgerlichen, konservativen Mittelstand. Die sind so etwas wie eine ägyptische CSU – einschließlich der offen geführten Debatten der Parteiflügel. Den Rest des Beitrags lesen »
Internet in Ägypten
4. Februar 2011
Kann denen, die sich für die Volksaufstände im mittleren Osten interessieren, die Internetseiten der TAZ empfehlen. Im Kommentar zu meinem letzten Artikel ging es um das natürliche gemeinsame Interesse der Religionen (unter den Kirchen sind auch Moscheen), jetzt wird man präzis über die Jagd nach Journalisten aufgeklärt, auch dass die Schlägertrupps aus den ärmsten Bevölkerungsschichten rekrutiert werden. Bemerkenswert auch die Analyse des Internets in Ägypten:
[...] in den letzten 20 Jahren hat sich in Ägypten eine vielfältige Zivilgesellschaft herausgebildet, die jetzt in Erscheinung tritt.
Ein wesentlicher Anstoß für diese Entwicklung kam ausgerechnet vom Regime selbst. Schon 1997 forderte Husni Mubarak jeden Ägypter auf, die neue Möglichkeiten des Internets zu nutzen. Mubarak wollte Ägypten zum Vorbild einer modernen Wissensgesellschaft in der Region machen. Den Rest des Beitrags lesen »
Tunesien im Spiegel der Welt
28. Januar 2011
Wieder mal Hoffnung auf das, was in Tunesien, Ägypten und im Jemen passiert. Zur Blamage des Westens in der Politik gegenüber Tunesien schreibt Andrea Böhm:
Seit Wochen marschieren und rebellieren Tausende von TunesierInnen, bauen Barrikaden, stürzen ihren Diktator – und halten jene Werte hoch, die Europa als Fundament seiner politisch-kulturellen Identität reklamiert.
Egal, welchen Ausgang die Jasminrevolution nehmen wird: Zu den Momentaufnahmen dieser Januartage zählt nicht nur die Euphorie über den Sturz eines Autokraten, sondern auch die Beschämung Europas. Der Westen – vulgo: wir – hat beredt geschwiegen, wenn es um den Polizei- und Spitzelterror des Autokraten Ben Ali ging. Lieber autoritäre Stabilität mit vollen Gefängnissen und vollen Touristenstränden als politische Liberalisierung, die sich womöglich „destabilisierend“ auswirkt.
So lautet das amerikanische Kalkül (nur kurz unterbrochen durch das Desaster namens „Operation Iraqi Freedom“). So lautet das europäische Kalkül. Und es ist wieder einmal nicht aufgegangen. Den Rest des Beitrags lesen »
