Europas Farben

7. Juli 2009

Umstritten ist die Theaterfassung von Kieślowski und Krzysztof Piesiewiczl “Drei Farben: Blau, Weiss, Rot” (Der Link führt zu allen Zeitungsrezessionen gesammelt bei “Nachkritik”, dort bitte ggf. die Geschichten nachlesen, damit man diesen Eintrag verstehen kann) in den Münchner Kammerspielen. Ich mag es sehr, wenn jemand so dezent wie Kiéslowsky/Simons frohe Botschaft verkünden will. Sie spielen das Chaos der Welt und singen das hohe Lied Europas “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit”, das Lied dessen, was einem Menschen zusteht (höher und intensiver als die Menschenrechte) eigentlich das hohe Lied der Liebe. “Und wenn ich mit Engelszungen redete, und …., hätte aber die Liebe nicht, ich wäre ein tönernen Erz…” Typischerweise wird die Botschaft dieser Szenen destruktiv oder gesellschaftskritisch gesehen, immerhin auch manchmal bewundernd wie etwa in der FAZ:

„Sie wollte mehr, als ich ihr geben konnte.“ Mit diesen Worten fasst der Richter gegen Ende der „Drei Farben“ die Gründe für das Scheitern seiner eigenen, tragischen Liebesgeschichte zusammen – und bringt damit auch die Grundmotivation aller übrigen Hauptfiguren auf den Punkt: Sie stehen alle vor der Wahl, ihr Leben zu vernichten oder zu vollenden. Tränenerstickt presst der niederländische Schauspieler Jeroen Willems diese verbitterten Worte heraus, während er „Drei Farben: Rot“ verkniffen auf einem Klavierhocker verbringt, in einem einzigen großartig konzentrierten Dialog mit Sandra Hüllers misstrauischer Valentine. Read the rest of this entry »

In der DDR war es das Westfernsehen, durch das man – wenn auch eingeschränkt – zu Informationen kam. Im Iran sind es die Handies, die integrierten Kameras und Internetdienste und -blogs. Siehe NZZ. (Hoffe diese Mittel funktionieren auch in China – trotz der angeblichen Kollaboration von Google und co.) Trotzdem muss man Angst haben, wie damals in Leipzig und dem ganzen Ostblock vor 20 Jahren. Was mich sehr freut ist die Vielfalt der friedlichen Proteste, das erinnert schon an Leipzig (und übertrifft es vielleicht, die Iraner sitzen auf den Schultern der Leipziger). Read the rest of this entry »

Jüngst (wahrscheinlich) erstmals nach der Kindheit nochmal “Die unendliche Geschichte” gelesen. Michael Ende sagte einmal darüber (bitte nicht überbewerten, er wollte eigentlich keine Deutung geben)

“Das ist nämlich die Geschichte eines Jungen, der seine Innenwelt, also seine mythische Welt, verliert in dieser einen Nacht der Krise, einer Lebenskrise, sie löst sich in Nichts auf, und er muss hineinspringen in dieses Nichts, das müssen wir Europäer nämlich auch tun. Es ist uns gelungen, alle Werte aufzulösen, und nun müssen wir hineinspringen, und nur, indem wir den Mut haben, dort hineinzuspringen in dieses Nichts, können wir die eigensten, innersten schöpferischen Kräfte wiedererwecken und ein neues Phantásien, d.h. eine neue Wertewelt aufbauen”.

Zitiere Michael Ende aus einem Briefwechsel mit Werner Zurfluh:

Ich weiß nicht, ob es übertrieben klingt, wenn ich sage: Ich interessiere mich eigentlich nicht sonderlich für mich selbst – nur so um meiner selbst willen. Read the rest of this entry »

Halfpipe Bühne

10. Juni 2009

Ich dachte an die Ringe des Saturn, als ich die Bühne in der Inszenierung von Franz Kafka “Der Prozess” in den Münchner Kammerspielen sah. Innen drehte sich der unbewohnbare Planet. Vieles spricht dafür, dass es sich um ein Auge handelt bei dieser Bühne. Auf jeden Fall gab es doch da tatsächlich Ähnlichkeiten zur “Fangt uns doch” Bühne. Was passiert da technisch? Zitiere den Standart (Wien. Ronald Pohl):

Regisseur/Ausstatter Andreas Kriegenburg hat auf die Münchner Bühne ein Gipsauge gestellt. In dessen ovaler Mitte, sozusagen im Durchstichsloch eines Träumers, rotiert ein Hubpodest, das immer wieder gemächlich in die Vertikale kippt, um schließlich als Kletterwand den Schrecken einer hölzernen Eiger-Nordwand zu verbreiten. Read the rest of this entry »

Es weitergeben

8. Juni 2009

Wie Widerstadsfähigkeit weitergeben?

Christian Führer, selbst Sohn eines Pfarrers, hat nach seinem Studium in Leipzig Ende der 60er Jahre seine erste Pfarrstelle in einer Landgemeinde in Sachsen angenommen. Mit ihm kommt seine Frau Monika.

Im Dorf waren wie so richtig angekommen. Die Anteilnahme der Dorfbewohner spürte ich deutlich, als im Jahre 1969 unser erstes Kind geboren wurde. Read the rest of this entry »

Vor 75 Jahren wurde der Publizist Fritz Gerlich von den Nazis ermordet, anderthalb Jahre war er vorher ohne Prozess im Gefängnis gesessen. Man wusste davon (und von ähnlichen Morden) im Saarland und in Österreich, und doch hat man dem Hitler zugejubelt.

Zu ihm gibt es eine recht gute Website hier mit allen Ausgaben seiner Zeitung zwischen 1931 und 1933 zum Herunterladen.

“Es gibt nur einen, der den geraden Weg zu Gott gegangen ist. ” oder so ähnlich schreibt Sophie Scholl an Fritz Hartnagel mitten im Krieg. Sie meint damit nicht Fritz Gerlich, aber dessen Zeitung hieß tatsächlich “Der gerade Weg” und warnte vor Hitler. Bis 1930 war Gerlich Chefredakteur der “Münchner Neueste Nachrichten”, der Vorläuferzeitung der Süddeutschen.

Eine Historikerdiskussion gestern offenbarte spannende Dinge. Was für ein Hitzkopf Gerlich war, wie er sich beraten ließ (von Resl von Konnersreuth), wie man als Nichtjournalist gleich Chefredakteur werden kann, dass er keine Angst davor hatte, für das, was er schrieb und herausgab, zu sterben, wie er überlegte, auf die SS-Leute, die sein Büro plünderten, zu schießen, wie einer seiner Artikel jemand in den Selbstmord trieb, wie seine Zeitschrift einen Freund schwer in Zahlungsschwierigkeiten brachte, wie Hitler mit ihm sprach und wie sie seitdem erbitterte Feinde wurden, wie er stundenlang Artikel aus dem Kopf diktieren konnte … das wird eine Fernsehsendung für BR Alpha

Kränkungen

15. Mai 2009

… bin irgendwie gekränkt, dass ich damit rechnen muss, dass ich die nächsten Jahre nicht zum Theatermachen kommen werden. Unangenehm, dass man eine solche Eigenschaft hat und sie an sich selber feststellen muss. (Zum Glück denk ich das nur manchmal.)

Es hilft das doch auch Erfüllende, was ich im Moment tue und vielleicht ein bischen Dialektik. Weiß nicht, ob der Begriff der Menschenwürde, der in der Bundesdeutschen Verfassung,  so wichtig ist, auch den Widerständlern so zentral war. (Bin diesbezüglich gerade auch zu weit weg von den Weiße Rose Leuten, dass ich mich erinnerte.)

Reich ist man nicht durch das, was man besitzt, sondern mehr noch durch das, was man mit Würde zu entbehren weiß. Es könnte sein, dass die Menschheit reicher wird, indem sie ärmer wird, indem sie gewinnt, indem sie verliert. (Immanuel Kant)

Künstler sein

18. April 2009

Kleiner Ostereintrag, ein Lieblingszitat. Lange war dieses Zitat von Vinzent van Gogh Read the rest of this entry »

Was ich so als Jugendlicher und Kind gesagt bekam in den 80-er Jahren: Die Amerikaner haben uns nach dem Krieg geholfen, sie stehen für Freiheit und gegen Kommunismus und Diktatur. Sie wollen nicht die Weltherrschaft wie (jeder im Gesellschaftsspiel Risiko und wie) die Sowjetunion. Sie sehen sich gezwungen, aufzurüsten, weil es die anderen auch tun. Die sogenannte Friedensbewegung sind entweder keine politischen Realisten oder sie sind vom Kommunismus unterwandert. Die Erben der Weißen Rose, allen voran Inge Aicher-Scholl und Fritz Hartnagel, galten als anti-kommunistisches Aushängeschild der Friedensbewegung. Read the rest of this entry »

Gestern diese Geschichte und ihre Vorgeschichte aus erster Hand von Christian Führer erzählt bekommen. Bin recht dankbar und glücklich. (Am Bild die offene Tür der Nikolaikirche.)